Erdbebenopfer: Sebastian Pierre, 8 Jahre,
wurde das rechte Bein amputiert.
Haiti, 12. Mai 2010. Vier Monate nach dem katastrophalen Erdbeben liegt die Hauptstadt Port-au-Prince immer noch in Trümmern. 4.000.000 Menschen versuchen hier zu überleben, von einem Tag zum nächsten. Neben Schutthalden, unter Planen, in Zelten. LICHT FÜR DIE WELT unterstützt die traumatisierten Erdbebenopfer dabei, wieder zurück ins Leben zu kommen. Margit Draxl, Pressesprecherin von LICHT FÜR DIE WELT, berichtet aus Haiti.
Mit einem großen Lachen im Gesicht kommt Sebastian auf uns zu. Der 8-jährige hüpft geschickt auf einem Bein und mit Krücken zum Eingang der riesigen Zeltstadt, die jetzt sein zu Hause ist. Drei Tage lang war er nach dem Erdbeben am 12. Jänner verschüttet - sein Onkel, den er seitdem Papa nennt, hat ihn mit bloßen Händen ausgegraben. Sebastians rechtes Bein konnte nicht gerettet werden – das wurde am 18. Jänner amputiert. Nun lebt Sebastian mit seiner Tante, seinem Onkel und drei Kindern in einem zwei Mal zwei Meter großen Zelt. „Ich habe geglaubt, ein Auto würde in unser Haus fahren“, beschreibt der aufgeweckte Bub seine letzten Gedanken, als im Jänner die Erde minutenlang bebt und eine Hausmauer über ihm zusammenbricht. Seine Mutter stirbt, vom Vater fehlt jede Spur.
So dramatisch die Geschichte von Sebastian auch ist, hier in Port-au-Prince erzählen tausende Menschen ähnlich Schreckliches: Magalie Daufhin will ihren 5-jährigen Neffen aus dem Haus holen, als das Haus über ihr zusammenstürzt. Stundenlang liegt sie eingeklemmt, das tote Kind in ihren Armen, bevor sie irgendjemand aus den Trümmern zieht. Schwerverletzt bleibt sie noch ein paar Tage liegen, auch ihr Fuß kann danach nicht mehr gerettet werden.
Seit vier Monaten schläft die 10-jährige Fara Joseph auf einem Pappkarton unter dem Gitterbettchen, in dem ihr 3-jähriger Bruder Stephan liegt. Im Krankenhaus in Diquini konnte das rechte Bein des kleinen Buben nach mehreren Operationen wieder zusammengeschraubt werden. Fara ist seitdem für ihn verantwortlich – die Mutter der beiden lebt mit den vier anderen Geschwistern unter einer Plane auf der Straße und hat kaum genug zum Überleben. „Ich bin traurig, weil ich nun nicht mehr in die Schule gehen kann, aber die 20 Euro für die vorgeschriebene Schuluniform haben wir einfach nicht“, macht sich das 10-jährige Mädchen Sorgen um seine Zukunft.
Zerstörte Gebäude prägen das Stadtbild von Port-au-Prince. Haiti, Mai 2010
Schon vor dem Erdbeben gab es in dem Entwicklungsland Haiti rund 800.000 Menschen mit Behinderung. Seit der Katastrophe vom 12. Jänner sind es um 200.000 mehr. „1 Million Menschen also, um die wir uns kümmern müssen, weil sie hier im bitteren Kampf ums Überleben die Schwächsten sind,“ so Valerie Scherrer, Notfallkoordinatorin der "Christoffel Blindenmission", lokaler Partner von LICHT FÜR DIE WELT.
Derzeit arbeiten 24 Physiotherapeuten in neun Rehabilitationszentren; in kleinen Zelten, die in Port-au-Prince von den einheimischen Mitarbeitern und der Bevölkerung liebevoll "Antennas" genannt werden. Prothesen werden hier angepasst, Krücken eingestellt, Rollstühle ausgegeben. Und seit kurzem gibt es auch kleine Gesprächsgruppen, in denen die schwer traumatisierten Erdbebenopfer über ihre schrecklichen Erlebnisse reden können.
Direkt nach der Katastrophe waren es rund 900 Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt, deren Einsatz über die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, koordiniert wurde. Nach vier Monaten sind es noch geschätzte 400 Vereinigungen, die helfen: „Wir versuchen, uns nicht in die Quere zu kommen. Jede Organisation hilft in dem Bereich, in dem sie sich auskennt“, so Valerie Scherrer. Und es ist eine riesen Aufgabe, die auf die Helfer wartet: Port-au-Prince ist eine Geisterstadt, ein Trümmerfeld. Nach geschätzten 230.000 Toten liegen vermutlich noch immer tausende Leichen unter den Schutthalden. Die, die überlebt haben, vegetieren in Zelten oder einfach auf den Straßen unter Planen, oft direkt neben den Trümmern ihrer ehemaligen Häuser.
Die prekäre Situation wird sich in den kommenden Monaten noch verschärfen: Die Regenzeit hat gerade begonnen, momentan noch kommen die sintflutartigen Regenfälle nur in der Nacht vom Himmel. Dann werden Schutt und Müll zu einer stinkenden Kloake, in der die Menschen essen und sich waschen müssen. „Bitte sagt den Menschen daheim, dass wir ihr Spendengeld brauchen und auch ordentlich damit umgehen. Aber es geht halt nicht so schnell, wie sich das alle wünschen. Haiti ist ein schwieriges Land, umgeben von Meer, mit nur einem kleinen Flughafen und einem Hafen. Es dauert, bis hier Hilfsgüter ankommen und die Logistik ist inmitten dieser vollkommen zerstörten Millionenstadt eine enorme Herausforderung“, analysiert Valerie Scherrer die aktuelle Situation.
LICHT FÜR DIE WELT hat vorerst 300.000 Euro für die Erdbebenopfer in Haiti zur Verfügung gestellt. Damit wird in den nächsten Jahren den Schwächsten der Armen vor Ort, Menschen mit Behinderung, geholfen, ein menschenwürdiges Leben zurück zu bekommen.
Mehr Bilder zu Haiti finden sie hier (druckfähig)
Webtipp: Weitere Informationen zur Aufbauhilfe von LICHT FÜR DIE WELT in Haiti