Ruanda - das Land der Tausend Hügel trägt dunkle Schatten.
Eine Million Menschen haben beim Völkermord in Ruanda innerhalb von nur drei Monaten das Leben verloren. Macheten und Holzkeulen gespickt mit Nägeln waren die primitiven Werkzeuge des Grauens. Vergewaltigungen durch HIV-infizierte Schächer brachten Tausenden Frauen den langsamen Tod. 7. April ist der Jahrestag des Schreckens…
Ein Lokalaugenschein von Gabriel Müller aus Kigali.
Schwester Raffaela streicht sanft über die von Nektarvögeln umgarnten Blumen im Innenhof ihrer weitläufigen Blindenschule in Kibeho, im Süden Ruandas. Kinderlachen aus den Klassenzimmern lässt jeden Gedanken an den Genozid in unendliche Ferne rücken. Mit einfachen Braille-Tafeln lernen die 58 blinden Kinder auf ihre Art Lesen und Schreiben. Zwischendurch formen die in adrette Schuluniformen gewandeten Schülerinnen mit Plastilin kleine Gegenstände des täglichen Gebrauchs und lassen einander Rätsel raten, was es wohl sei. Donatilla (10) ist Klassenbeste und zugleich Primaballerina des schuleigenen Tanzensembles. Ein kleines Paradies im „Land der Tausend Hügel“.
Sie kennen den Völkermord von den
Erzählungen ihrer Eltern.
Und doch kennt auch Schwester Raffaela (75), polnische Ordensfrau der „Franziskanischen Schwestern im Dienst für das Kreuz“ schmerzhafte Geschichten aus nächster Nähe: „Oben am Hügel steht eine Kirche. Sie war Schauplatz von Massenhinrichtungen an Tutsis und gemäßigten Hutus in Zeiten des Völkermords. Eine unserer Mitarbeiterinnen wurde dort mit Machetenhieben schwer verletzt auf einen Leichenberg geworfen und konnte sich in der finsteren Nacht kriechend in ein sicheres Versteck retten.“ Sie wolle bis heute mit niemandem darüber reden, so die standhafte Nonne, die sich gemeinsam mit LICHT FÜR DIE WELT der Hilfe für blinde Kinder verschrieben hat. Das offizielle Ruanda betreibt die Aufarbeitung des Völkermords von 1994 in großem Stil. Angefangen von der durch die belgische Regierung und dem damals amtierenden US-Präsidenten Bill Clinton finanzierten Genozid-Gedenkstätte in der Hauptstadt Kigali bis hin zu Propagandaschildern an Schulen und als Höhepunkt: der Jahrestag des Schreckens jeweils am 7. April.
An diesem Tag müssen per Gesetz alle Bürger des Landes zu der nächstgelegenen Großversammlung gehen, um sich stundenlange Reden über Ausmaß und Ursachen des unsäglichen Mordens anzuhören. Persönliche Worte über das eigene Schicksal findet fast niemand, höchstens ob und dass man betroffen war. Die kleine Kirche von Kibeho dient als Gedenkstätte für die binnen weniger Tage 25.000 ermordeten Opfer in der Region. Abgebrannte Dachstuhlbalken wurden bewusst an Ort und Stelle belassen und kompliziert von einer eisernen Metallkonstruktion umwunden, um der Statik Genüge zu tun. Außen an der Kirchenmauer lila markiert ist ein zugemauertes Loch, durch das Schafe hätten laufen können.
Gabriel Müller (Kommunikationsleiter LICHT FÜR DIE WELT) aus dem oberösterreichischen Weibern im Hilfsprojekt von Kabgayi.
Tatsächlich diente die Lücke im Gemäuer als Einwurfstelle für Handgranaten. Hunderte Menschen, die an dem heiligen Ort Zuflucht gesucht hatten, waren so qualvoll umgekommen. Bis heute liegen ihre sterblichen Überreste hinter großflächig angebrachten Holzplatten, die das Massengrab vom restlichen Kirchenschiff trennen. Eine zierliche Taube am Kirchenfenster symbolisiert, wovon die Menschen träumen: Frieden.
Schauplatzwechsel ins Spital von Kabgayi, eine Fahrstunde von der ruandischen Hauptstadt Kigali entfernt. Zacharias ist Mitte dreißig und Personalverantwortlicher des von der katholischen Kirche finanzierten Krankenhauses. Mit gewissem Stolz führt er durch die zwölf medizinischen Abteilungen, die allesamt über keinen einzigen Facharzt verfügen, ausgenommen die Augenabteilung. Improvisation ist hier alles. Auf der Pädiatrie schlafen zu Spitzenzeiten drei Kinder in einem Bett und Angehörige auf Matratzen am Boden. Die HIV-Station versorgt 1.700 positiv getestete Patienten pro Jahr mit antiretroviralen Medikamenten, mehr als zwei Drittel von ihnen sind Kinder. In der Notaufnahme beißt der Geruch von Exkrementen und Erbrochenem. Vorbei an einem Rettungsauto mit abmontierten Vorderreifen kommen wir zur Chirurgie, wo noch der letzte Arzt Dienst tut, der auch während des Genozids am Spital war.
Bernadette, 8 Jahre, lernt Blindenschrift in Kibeho.
Die Frage, ob die mordenden Rotten wenigstens vor den Spitalsmauern halt gemacht hätten, beantwortet Zacharias mit einer geradlinigen Gleichung: „Soldaten die Kirchen überfallen, verschonen auch Spitäler nicht.“ An der Augenabteilung empfängt uns der 34-jährige belgische Augenarzt Piet Noe, der hier jährlich 3.000 Augenoperationen durchführt und dabei als einziger Experte im ganzen Land auch Kinder operieren kann. Der selbst vor Jahren am Grauen Star operierte Francois Hagenimana kniet am Bett seiner beiden blind geborenen Kinder Emanuel und Florence, die heute operiert worden sind. In einer anderen Ecke des weitläufigen Bettenzimmers sitzt Modeste Sibomana (78) mit strahlenden Augen, vor wenigen Stunden ist er durch eine Operation am Grauen Star von seiner Blindheit geheilt worden. Auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet Modeste: „Ich möchte fliegen, aber ich habe keine Flügel.“
Am 7. April ruht die Arbeit. In der Blindenschule von Kibeho gleichermaßen wie im Spital von Kabgayi. Hundert Tage Trauer sind staatlich angeordnet. Im Gedenken an die eine Million ermordeten Opfer des Völkermords. Die Welt hat zu lange zugesehen.