Österreichische Spendengütesiegel

Kein Grund zum Sterben

Foto: Kleines Mädchen bei Rehabilitations-Übungen

Schwester Martine (rechts) bei Rehabilitationsübungen mit Claudine Cambou (links)

Die österreichische Hilfsorganisation LICHT FÜR DIE WELT sichert in Burkina Faso das Überleben von 4.200 Kindern mit Behinderung. In derzeit 7 Gemeindenahen Rehabilitationsprogrammen werden die Kinder betreut, gefördert und haben somit die Chance auf ein selbst bestimmtes Leben. Heute, vor 20 Jahren, haben die Vereinten Nationen die Konvention über die Rechte der Kinder beschlossen. LICHT FÜR DIE WELT setzt sich dafür ein, dass die Grundrechte aller Kinder weltweit gewahrt werden: Auch Kinder mit Behinderung in den Armutsgebieten unserer Erde haben ein Recht auf medizinische Versorgung und Zugang zu Bildung.

Claudine Cambou sitzt im Schatten, in kerzengerader Haltung, ihre Beine liegen auseinandergewinkelt und reglos auf dem roten Erdboden. Verunsichert sucht das 5-jährige Mädchen Augenkontakt zu seiner Mutter Oho Cambou. Die hat ihr rasch noch einen Rock und eine hübsche Bluse übergestreift – die jüngste Tochter von insgesamt vier Kindern soll nett aussehen, wenn sie gleich zeigen soll, was sie gelernt hat.

Aber Claudine beginnt erst mal zu weinen: fremde „Weißnasen“, die sie erwartungsvoll anlächeln und in einer ihr fremden Sprache, nämlich Französisch, auf sie einreden. Französisch ist zwar die Verkehrssprache in Burkina Faso, aber im zweitärmsten Land der Welt leben 140 Ethnien und sprechen insgesamt 60 verschiedene Sprachen. Schwester Martine, Physiotherapeutin und Projektpartnerin von LICHT FÜR DIE WELT, ergreift die Initiative: Sie tröstet die kleine Claudine und hilft ihr auf die Beine. Und das ist das eigentliche Wunder, denn Claudine lag im Sterben, als ihr Vater, Conate Cambou, sie vor zwei Jahren zu Fuß zu Schwester Martine zehn Kilometer weit ins Sozialzentrum getragen hat. Drei Jahre lang war das kleine Mädchen auf dem Boden in der Lehmhütte gelegen - der traditionelle Heiler im Dorf Gaoua nahe an der Grenze zur Elfenbeinküste hatte den Eltern dringend geraten, Claudine gleich zu töten, denn sonst würde der böse Fluch auf die ganze Familie übergreifen. Oho und Conate aber brachten das nicht übers Herz und versuchten, Claudine vor neugierigen Blicken zu verstecken.

Vermutlich war es eine Komplikation bei der Geburt, die dazu führt, dass Claudine sich nicht so entwickelt wie ihre Geschwister. Aber sie kann heute selbstständig sitzen und sie kann ein paar Schritte gehen, wenn sie sich am Barren festhält, den ihr Fieldworkerin Aline Bodo und ihr Vater auf dem kleinen Platz zwischen den zwei Hütten aufgestellt haben. Und Claudine kann lachen und sprechen, was sie uns mittlerweile eifrig demonstriert, unterstützt mit ihren Händen, denn sie merkt sehr wohl, dass wir ihre Sprache, Mooré, nicht verstehen.

„Ich hoffe natürlich das Beste für meine Tochter, aber ich habe auch Angst davor, dass sie sich nicht mehr weiterentwickelt, denn ich weiß nicht, wie wir sie dann durchbringen sollen“, erzählt uns Vater Conate Cambou. Der tägliche Kampf ums Überleben zwingt alle Familienmitglieder an ihre Grenzen und die Schwächsten sind seine ersten Opfer. Die Menschen in Burkina Faso werden Burkinabé genannt, übersetzt „die Aufrechten“ – stolz, selbst bestimmt, freundlich und höflich.

Auch hier, bei Familie Cambou, bei 35 Grad Celsius im Schatten, auf einfachen Holzbänken, zwischen gackernden Hühnern und einer ausgemergelten Kuh, ist den Menschen ihre Würde anzusehen. Claudine trägt ihren Kopf hoch erhoben, als sie sich am Balken entlang hantelt – sie wird nicht sterben, schon gar nicht an einem angeblichen Fluch und trotz ihrer Behinderung werden Schwester Martine, Aline Bodo und ihre Eltern dafür sorgen, dass sie auch eines Tages eine Schule besuchen kann.